September 23, 2026
Für die Roland Berger Restrukturierungsstudie befragen wir seit 2001 jährlich Experten für Unternehmenssanierungen und -restrukturierungen zu Trends und Entwicklungen sowie deren Bedeutung für die Unternehmen. 2026 ist ihre Einschätzung deutlich: Die Zahl der Restrukturierungsfälle steigt, gleichzeitig werden sie komplexer und dauern länger. Zugleich verschieben sich die zentralen Aufgaben von Restrukturierern: Diagnose und Konzepte bleiben zwar wichtig, aber erfolgsentscheidend sind Faktoren wie die Kommunikation mit Stakeholdern, die Konsensfindung, sowie eine zielgerichtete Umsetzung. Das kostet Zeit – Zeit, die Restrukturierungsexperten an anderer Stelle gewinnen müssen. Künstliche Intelligenz (KI) ist dafür das naheliegende Werkzeug, wird in der Praxis aber bisher kaum genutzt. Die Roland Berger Restrukturierungsstudie 2026 zeigt, warum diese Lücke entsteht, welche Bedingungen es für mehr KI-Einsatz in der Branche gibt und wie das Zusammenspiel von Mensch und Maschine gelingt.
Stagnation als neues Normal – Abwarten keine Option
Das konjunkturelle Bild fällt in der Restrukturierungsstudie 2026 nüchterner aus als im Vorjahr: Knapp zwei Drittel der befragten Experten rechnen für die kommenden zwölf Monate mit einer stagnierenden Konjunktur, weitere 29 Prozent mit einem sinkenden Bruttoinlandsprodukt. Nur noch sechs Prozent gehen von Wachstum aus – ein Rückgang um 16 Prozentpunkte und damit der stärkste Einbruch bei dieser Frage seit Beginn der Studienreihe. Die Hoffnung des Vorjahres, die Talsohle sei durchschritten, bestätigt sich vorläufig nicht.
Damit hat sich Stagnation als neues Normal etabliert. Unternehmen können weder mit Rückenwind vom Markt noch mit einem Befreiungsschlag aus dem Regulierungsumfeld rechnen. Nur die Zeit bis zum nächsten Aufschwung zu überbrücken, ist keine tragfähige Strategie. Unternehmen sollten stattdessen konsequent Kapazitäten anpassen, Komplexität reduzieren und ihr Geschäftsmodell auch dort infrage stellen, wo sie bislang auf eine Markterholung gehofft haben.
Die Krisenrobustheit der Unternehmen hat sich unterdessen nicht entscheidend verbessert. Über die Hälfte der Umfrageteilnehmer findet, deutsche Unternehmen seien schlecht auf eine weitere Konjunktureintrübung vorbereitet, nur acht Prozent attestieren ihnen diesbezüglich eine gute Aufstellung. Hier braucht es dringend den nächsten Schritt: weg vom reaktiven Durchhalten, hin zum vorausschauenden Handeln, etwa durch Anpassung von Geschäftsmodell und Aufstellung. Dazu müssen Konzepte, Planungen und Prozesse am dynamischen Marktumfeld ausgerichtet und regelmäßig nachjustiert werden.
Autoindustrie handelt, Gesundheit und Chemie unter Druck
Als Branche mit dem höchsten Restrukturierungs- und Transformationsbedarf in Deutschland nennen 87 Prozent der Befragten erneut die Automobilindustrie. Obwohl das acht Prozentpunkte weniger sind als im Vorjahr, ist offen, ob das eine Trendumkehr markiert. Zumindest nehmen die Befragten wahr, dass die Branche strukturell handelt: Die OEMs haben umfassende Restrukturierungs- und Performance-Programme aufgesetzt. Ob sie wirken und ausreichen, wird sich erst noch zeigen. Viele Zulieferer haben bereits eine Verbesserung der Ergebnissituation erreicht, dennoch liegen die Margen weiter unter Vorkrisenniveau.
Auf Platz zwei folgt der Maschinen- und Anlagenbau, der strukturell unter der Abhängigkeit vom Automobilzyklus und der rückläufigen Industrienachfrage leidet. Am stärksten zugenommen hat der wahrgenommene Bedarf im Klinik- und Pflegesektor, wo strukturelle Unterfinanzierung, steigende Betriebskosten, auslaufende Pandemiezuschläge und wachsender Spardruck die Transformation zur wirtschaftlichen Notwendigkeit machen. Auch in der Chemiebranche erwarten die Befragten deutlich mehr Restrukturierungsbedarf: Energiekosten, CO2-Auflagen, Rohstoffpreise und Überkapazitäten treffen auf sinkende Nachfrage aus Abnehmerbranchen.

Insgesamt zeigt sich: Im Vergleich zum Vorjahr wächst der Restrukturierungsbedarf in die Breite und erfasst weitere Branchen. Dementsprechend berichten 83 Prozent der befragten Experten von einer Zunahme der Restrukturierungsfälle in den vergangenen zwölf Monaten, kaum jemand erlebt einen Rückgang.
Konsens der Stakeholder unverzichtbar für Umsetzungserfolg
Gleichzeitig verändert sich der Charakter der Fälle. Sie dauern länger, auch weil ihre Finanzierungs- sowie Stakeholder-Strukturen vor dem Hintergrund einer fragmentierten Gläubigerlandschaft aus Banken, Private-Debt-Fonds, Factoring-Anbietern und Warenkreditversicherern immer komplexer werden. Dabei bringt jede Partei eigene Interessen, eine eigene Dokumentationslogik und individuelle Durchsetzungsansprüche mit, was konsensuale Lösungen erschwert und Prozesse langwieriger und teurer macht. In der Folge scheitern Restrukturierungen heute seltener an fehlenden schlüssigen Konzepten als an der Uneinigkeit der Beteiligten.

Ohne Konsens unter den Stakeholdern ist die erfolgreiche Umsetzung einer Restrukturierung fast unmöglich. Zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren gehört daher eine belastbare Geschäfts- und Liquiditätsplanung, um das Vertrauen der Banken zu gewinnen und Gläubiger wie Investoren an einen Tisch zu bekommen. Zudem braucht es ein ambitioniertes und realistisches Maßnahmenprogramm sowie eine zielgerichtete Umsetzung.
KI in der Restrukturierung: viel Potenzial, bisher wenig Praxis
Wer sich stärker auf das Stakeholdermanagement oder die Steuerung von Maßnahmen konzentrieren muss, braucht an anderer Stelle Entlastung – bei Datenarbeit, Analysen und zeitintensiven Vorarbeiten. Ein Effizienzgewinn in diesen Bereichen ist daher kein Nice-to-have mehr, sondern die Voraussetzung dafür, dass überhaupt genug Zeit für das Entscheidende bleibt. Das naheliegende Werkzeug dafür ist Künstliche Intelligenz – sie wird allerdings bisher kaum genutzt. Keiner der Befragten sieht einen breiten KI-Einsatz in Restrukturierungsprozessen. 45 Prozent verharren auf der Stufe einzelner Pilotprojekte, 26 Prozent befinden sich noch im Stadium erster Überlegungen.
In der Restrukturierung steht KI also bisher neben den Prozessen, statt in sie integriert zu sein. Möglicher Grund für die Zurückhaltung: In einer Branche, in der Qualität und Verlässlichkeit das Fundament bilden, wird kein Werkzeug akzeptiert, das seinen Nutzen noch nicht bewiesen hat. Dabei sehen die Praktiker durchaus Potenzial für mehr Effizienz durch KI, vor allem bei den zeitaufwändigsten Aufgaben im Restrukturierungsprozess: Datenanalyse und Recherche. In der Folge erwarten sie mehr Tempo bei Diagnosen und Umsetzung sowie sinkende Prozesskosten.

Die Restrukturierungsstudie 2026 zeigt: Kaum jemand bestreitet mehr, dass der Einsatz von KI bei Restrukturierungen sinnvoll und unverzichtbar ist. Offen ist die Frage nach den Voraussetzungen dafür. Nur gut ein Drittel begrüßt den Einsatz bedingungslos; ansonsten dominieren Anforderungen wie ein nachweislich hoher Qualitätsstandard, höchste Datensicherheit und Vertraulichkeit sowie vollständige Transparenz. Die Branche plädiert somit nicht für KI-Abstinenz, aber sie erwartet KI-Governance.
Fazit: Jetzt anfangen, nicht abwarten
Strategische Entscheidungen, direkte Interaktionen mit Menschen, Urteilsvermögen und persönliche Haftung gegenüber Gläubigern, Arbeitnehmern und Gerichten bleiben ureigene Domänen des Menschen. KI verändert also die Arbeit der Sanierer und Berater, nicht ihre Verantwortung. Sie setzt Ressourcen frei und schafft Freiraum für Tätigkeiten, die heute über Erfolg oder Misserfolg von Restrukturierungen entscheiden: Stakeholdermanagement, Planung und Entscheidungsfindung sowie die Umsetzung von Maßnahmen.
Nur wer jetzt beginnt, die Technik systematisch in seine Prozesse zu integrieren, baut einen Erfahrungsvorsprung auf, der mit jeder Nutzung weiterwächst. In diesem Sinne versteht sich die Roland Berger Restrukturierungsstudie 2026 als Weckruf – und als Orientierungshilfe für alle, die Sanierungs- und Transformationsprozesse verantworten.
Die vollständige Roland Berger Restrukturierungsstudie 2026 ist unten zum Download angefügt.
RB contacts
Alexander Mueller, Senior Partner
Adrian Pielken, Senior Partner
Mortaza Nadjafi, Partner
